Archiv | Juli, 2012

Der Hügel bebte…nicht.

30 Jul

„Du warst noch nie auf dem FEST?!“ Diese ungläubige Frage wurde mir schon des Öfteren gestellt. Schließlich bin ich in der nahen Pfalz aufgewachsen und wohne nun schon seit einem Jahr in Karlsruhe. Das heißt, ich hätte somit rein theoretisch schon fast 10 Mal auf dem FEST sein können. Alle Argumente, die ich daraufhin ins Feld führte wurden noch ungläubiger zur Kenntnis genommen. Wie ich denn zu der Zeit in Urlaub fahren könnte? Und welche Bands spielten sei doch völlig egal, die Stimmung sei doch eh immer legendär. Außerdem könne man bei einem Eintrittspreis von 5 € nun wirklich nichts falsch machen.

Als ich beim Stadtmarketing anfing, erhielt ich neben diesen bekannten Argumenten zusätzliche Insider-Infos. Hier wusste man zum Beispiel aus Interviews mit den Musikern, dass sogar die Bands auf DAS FEST hin fieberten und der Mount Klotz in der Szene schon fast Kultstatus hat. Den Berg zum Hüpfen und Beben zu bekommen, gilt fast als eine Art Ritterschlag. Das überzeugte. Ich besorgte mir rechtzeitig Karten für freitags und samstags. Leider kam mir ein wichtiger Termin dazwischen, sodass ich meine Karten für Samstag an Kollegen verkaufen musste.

Der große Tag war da: mein erstes Mal auf dem FEST! Das Wetter war so naja, aber immerhin regnete es nicht. Eine Freundin, die extra für diesen Tag von weit, weit weg angereist war und ich betraten die Anlage. Wir wollten mittendrin statt nur dabei sein und ergatterten uns gleich Mal einen Platz auf dem Mount Klotz. Die Donots betraten die Bühne. Ich bin ehrlich, ich hatte zuvor noch nie etwas von ihnen gehört. Aber dafür, dass es noch recht früh und hell war, lieferten sie eine richtig gute Show und sie gaben sich große Mühe, dem Publikum einzuheizen. Die kleinen Comedy-Einlagen und das 1&1-Bashing zwischendurch sorgten außerdem für gute Stimmung. Bei dem ein oder anderen Lied brachten sie sogar den Hügel zum, naja sagen wir mal mitwippen. Für hüpfen war‘s einfach noch zu früh. Aber das machte ja auch nichts.
Maximo Park würde die Klotze ja gleich so richtig zum Rocken bringen. Pustekuchen. Der Hügel stand still. Nicht, dass die Musik schlecht gewesen wäre. Sie war nur einfach ungeeignet für ein Festival. Ein klarer eingängiger Beat hätte da geholfen. Oder Refrains, die so simpel sind, dass man sie nach dem zweiten Mal mitsingen kann. Oder wenn der Frontsänger wenigstens ein einziges Mal das Publikum zum Klatschen animiert hätte. Einmal kündigte er den nächsten Song an und erklärte, der Refrain sei so einfach, den könnten wir alle mitsingen. Dumm war nur, dass das Lied so kompliziert war, dass niemand den Refrain als solchen erkannte und somit das Publikum stumm blieb. Obwohl, das stimmt so nicht. Meine Freundin meinte, sie hätte noch nie ein Festival erlebt, auf dem sich die Menschen so viel unterhalten hätten. Allgemeine Missstimmung machte sich bei meinen Hügel-Nachbarn breit. Auch wir langweilten uns und stiegen deshalb den Mount Klotz herab und machten uns außerhalb der Klotze noch einen schönen Abend.

Mein Fazit:
Hat es sich gelohnt? War es legendär? Bebte der Hügel? Nein.
Werde ich nächstes Jahr wieder hingehen? Na klar doch!
Den Mythos „FEST“ gäbe es nicht, wenn die Stimmung immer so mäßig wie an diesem Freitag gewesen wäre. Ich hatte wohl einfach Pech, vor allem mit dem Line-Up. Nächstes Jahr gehe ich unbedingt auch mal samstags aufs FEST. Und dann will ich den Hügel beben sehen! (fp)

Web-Wochenende mit AppArtAward, BarCamp & Facebook-Stück

27 Jul

13. bis 15. Juli: Zweites BarCamp in Karlsruhe. Den vielen persönlichen Eindrücken, zahlreichen Augenzeugenberichten und Zusammenfassungen einzelner Sessions möchte ich keine weiteren hinzufügen. Für mich ist besonders bemerkenswert, dass sich das BarCamp mit dem AppArtAward des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und dem Facebook-Stück „Gesichtsbuch“ am Jungen Staatstheater zu einem ganzen Web-Wochenende fügte. So entstand – vermutlich unbeabsichtigt von den jeweiligen Organisatoren – ein Parcours, der die Einflüsse des Webs auf das kulturelle Leben der Stadt in ihrer ganzen Bandbreite sichtbar macht.

1. Session. Freitag: Portrait des Künstlers als gemeinschaftsbildender Nerd.
Wenn das ZKM zu einer Abendveranstaltung lädt, kann man sicher sein, dass man etwas geboten bekommt. Denn hier wird Geschichte gemacht. Stephan Schwingelers Überlegungen zur Geschichte der „Game Art“ verdeutlichen, was leider immer noch viele nicht wissen: Das ZKM ist vor allem ein forschendes Archiv und damit – so seltsam das klingt – einer der zentralen Erinnerungs- und Sinnstiftungsorte der noch jungen digitalen Kultur. Vor einem Jahr hat das ZKM sich deshalb die Freiheit genommen, kreativer Software für mobile Endgeräte (kurz: Apps) den institutionellen Ritterschlag zu erteilen. Seitdem wird jährlich gemeinsam mit den Größen der lokalen IT-Branche der „AppArtAward“ verliehen.

Adel verpflichtet. Deshalb durfte Tim Pritlove mit seiner Keynote die gedankliche Matrix für das ganze Web-Wochenende liefern: Software als Kunst – Kunst als Software. Künstler und Programmierer haben laut Pritlove mindestens eins gemeinsam: Technikverständnis. Das Wissen über Möglichkeiten und Grenzen des (jeweiligen) Codes ist die Grundlage für die Konstruktion von möglichst selbsterklärenden Systemen – entweder Software oder Kunstwerken. Software und Kunstwerke sind demnach eine Art gut designte Bauklötze: Sie laden zum Spielen ein, erst allein, dann gemeinsam, es finden sich unvorhergesehene Kombinationen, schließlich bildet sich eine ganze Gemeinschaft der Spielenden.
Künstler und Programmierer schaffen in diesem Sinne Plattformen, indem sie den Kontrollverlust über einzelne Module zulassen und damit einen Spielraum schaffen, in dem man sich selbst finden, Teil des Ganzen werden und die Plattform als solche weiter entwickeln kann. So entstehen möglicherweise neue Formen der Gemeinschaft, von denen man vorher noch nichts wusste.

2. Session. Samstag: Campen im TechnologiePark.

Die gelebte Form einer solchen ‚Vergemeinschaftung‘ um Software ist das Karlsruher BarCamp. Die kostenlose Infrastruktur von OpenSource und sozialen Netzwerken wird mit den kostenlos zu nutzenden Räumlichkeiten des provisorisch aufgeschlagenen Camps getauscht. Natürlich dank der gleichen IT-Unternehmen, die am Abend zuvor auch beim AppArtAward die Preise stifteten. Adel verpflichtet. Kontrollverlust ist Programm. Hier mag man fast an die selbstregulierende Kraft der Basisdemokratie glauben. Gleich einer Agora versammeln sich die Camper zu Beginn in einem Plenum, und wer mag, stellt ein Thema zur Abstimmung, das bei Interesse nachher in kleinerer Runde diskutiert wird – auch Session genannt. „Camp“ bezeichnet damit nicht nur den Ort, sondern die Bewusstseinshaltung, Stimmung, oder den state of mind des „campens“: „Jeder ist ein Du“ – „keine Touristen!“. Melde dich an und du wirst aufgenommen, bist Teil dieser provisorischen Gemeinschaft, die aber nur funktioniert, wenn du dich wiederum selber einbringst und sie damit am Leben hältst. Historisch gesehen scheint der „Camp“-Gedanke für die vernetzte Welt des 21. Jahrhunderts das zu sein, was die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts für die Industrialisierung war.

 

3. Session. Sonntag: Die Digital Natives.

Ein anderes Bild bietet sich, geht man direkt vom „Camp“ ins „Junge“ Staatstheater. Dort läuft gerade „Gesichtsbuch“ – das Stück über das McDonalds unter den sozialen Netzwerken. Ein Ziel hat das Experiment schon vor Beginn erreicht. Anders als sonst drängen sich die Menschen vor der Kasse. Ich darf froh sein, noch ein Ticket ergattert zu haben und muss schließlich gemeinschaftlich zusammenrücken, damit auch die Außenvorgebliebenen noch in den Genuss des wirklich gut inszenierten Stückes kommen. Das Theater spricht endlich wieder die Sprache seiner Zielgruppe, möchte man meinen. Die Zielgruppe (auf der Bühne) ist Facebook-süchtig, so die spannende dramaturgische Konstruktion. Ein Foto davon habe ich natürlich gleich in Echtzeit auf Facebook gepostet. Auch hier wird zum Mitmachen aufgefordert. Aber zu den Nutzungsbedingungen von Facebook gab es keine Fragen, denn kaum einer aus dem Publikum hatte sie gelesen. Nach dem Stück habe ich mir auch vorgenommen, die AGBs zu lesen. Das kommt auf eine der to-do-Listen, die ich mir nach Oliver Gassners Session zum Selbst-Management beim Barcamp seit neustem anlege.

Eine Frage bleibt: Wie würde wohl ein Twitter-Stück aussehen? Aber ich kann ganz beruhigt sein: Nach Paulo Coelhos Diktum ist twittern ja bekanntlich auch so schon Kunst. (cf)

Neuer Slogan für Karlsruhe: Gefällt mir? Gefällt mir nicht? Aktueller Beziehungsstatus: es ist kompliziert!

11 Jul

Flurfunk und Gerüchteküche haben es in den letzten Wochen bereits angedeutet. Jetzt ist es gewiss: Karlsruhe soll einen neuen Slogan bekommen. Nicht nur das, sondern gleich eine ganze Markenkampagne zur Neupositionierung der Stadt. Denn das 300-jährige Stadtjubiläum eignet sich ganz vortrefflich zu einem solchen Schritt. Diese Meinung teilen Oberbürgermeister Heinz Fenrich, Erste Bürgermeisterin Margret Mergen, der Aufsichtsrat und und und nicht zuletzt wir hier beim Stadtmarketing.

Karlsruhe hat sich in den letzten zehn Jahren weiterentwickelt und verändert. Ein Blick aus dem Fenster hier am Europaplatz zeigt gleich die ersten Beweise für den sich vollziehenden Wandel. Wie eine Schlange, die nicht mehr in ihre alte Hauthülle passt, so passt auch „Karlsruhe – viel vor. viel dahinter.“ nicht mehr so recht. Wir sind raus gewachsen und wollen unsere dazugewonnenen Stärken nutzen und zeigen. Gesagt, getan.

Start: Vor acht Monaten beschließt der Aufsichtsrat der Stadtmarketing Karlsruhe GmbH eine Markenanalyse der Stadt zur Neupositionierung für 2015. Stärken und Schwächen wurden analysiert, zahlreiche Karlsruher Persönlichkeiten interviewt, mit Fachleuten gesprochen und viel, sehr viel recherchiert. Zwar brachte das Ergebnis nicht sonderlich neue Erkenntnisse, jedoch bestärkte es „Lebensqualität“ und „Innovation“ als die entscheidenden Stärken Karlsruhes. Ein attraktiver Spannungsbogen, der den Markenberater kleinundpläcking aus Berlin als Ausgangspunkt zur Claim-Findung diente.

Spätestens an dieser Stelle kommt die erste Zwischenfrage: Wieso denn eine Berliner Agentur? Antwort: kleinundpläcking hat als mehrfach ausgezeichnete Markenagentur mit großem nationalem Renommee bei der Ausschreibung überzeugt und den Auftrag bekommen. Und zugegeben, der Blick von außen auf eine Stadt, die sich überregional und international positionieren will, ist nicht unbedingt das Verkehrteste.

Jetzt, nach acht Monaten Analyse und Kreativphase, ist der Slogan da! Am 5. Juli wurde er auf einer Pressekonferenz vorgestellt. Am Ende der euphorischen Präsentation von Arne Klein warf der Beamer „Karlsruhe – baden in ideen.“ an die Wand des großen Sitzungsraums im Stadtmarketing. Auf die Stille der Journalisten folgten viele Fragen. (Fragen und Antworten gibt es hier.)

Bereits während der Pressekonferenz postet die neue welle auf Facebook:
AKTUELL – Die Fächerstadt verabschiedet sich vom Claim: „Karlsruhe viel vor, viel dahinter“!
Am 24. Juli soll der Gemeinderat den neuen Claim: „Karlsruhe – baden in ideen“ verabschieden. Das wurde gerade im Rahmen einer Pressekonferenz beim Stadtmarketing Karlsruhe bekannt gegeben.
Was halten Sie vom neuen Claim: „Karlsruhe – baden in ideen“?

Was folgte war nicht nur eine Schwemme von Kritik und Protest, sondern auch eine Flut an Ideen für A) besseres Vorgehen zur Slogan-Findung, B) weitere Slogan-Vorschläge C) was man nicht alles mit 50.000 Euro machen könnte oder D) welche Agenturen aus Karlsruhe bessere Ideen gehabt hätten usw. und so fort. Zwar war das Feedback bisher überwiegend negativer Natur und die Welle des Shitstorms scheint noch nicht vorüber, aber dennoch hat der Claim jetzt schon eines bewirkt: Karlsruhe badet derzeit in Ideen. Ob den Karlsruherinnen und Karlsruhe klar ist, wie sehr sie ihren neuen Claim schon leben? 😉 (dm)