Web-Wochenende mit AppArtAward, BarCamp & Facebook-Stück

27 Jul

13. bis 15. Juli: Zweites BarCamp in Karlsruhe. Den vielen persönlichen Eindrücken, zahlreichen Augenzeugenberichten und Zusammenfassungen einzelner Sessions möchte ich keine weiteren hinzufügen. Für mich ist besonders bemerkenswert, dass sich das BarCamp mit dem AppArtAward des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) und dem Facebook-Stück „Gesichtsbuch“ am Jungen Staatstheater zu einem ganzen Web-Wochenende fügte. So entstand – vermutlich unbeabsichtigt von den jeweiligen Organisatoren – ein Parcours, der die Einflüsse des Webs auf das kulturelle Leben der Stadt in ihrer ganzen Bandbreite sichtbar macht.

1. Session. Freitag: Portrait des Künstlers als gemeinschaftsbildender Nerd.
Wenn das ZKM zu einer Abendveranstaltung lädt, kann man sicher sein, dass man etwas geboten bekommt. Denn hier wird Geschichte gemacht. Stephan Schwingelers Überlegungen zur Geschichte der „Game Art“ verdeutlichen, was leider immer noch viele nicht wissen: Das ZKM ist vor allem ein forschendes Archiv und damit – so seltsam das klingt – einer der zentralen Erinnerungs- und Sinnstiftungsorte der noch jungen digitalen Kultur. Vor einem Jahr hat das ZKM sich deshalb die Freiheit genommen, kreativer Software für mobile Endgeräte (kurz: Apps) den institutionellen Ritterschlag zu erteilen. Seitdem wird jährlich gemeinsam mit den Größen der lokalen IT-Branche der „AppArtAward“ verliehen.

Adel verpflichtet. Deshalb durfte Tim Pritlove mit seiner Keynote die gedankliche Matrix für das ganze Web-Wochenende liefern: Software als Kunst – Kunst als Software. Künstler und Programmierer haben laut Pritlove mindestens eins gemeinsam: Technikverständnis. Das Wissen über Möglichkeiten und Grenzen des (jeweiligen) Codes ist die Grundlage für die Konstruktion von möglichst selbsterklärenden Systemen – entweder Software oder Kunstwerken. Software und Kunstwerke sind demnach eine Art gut designte Bauklötze: Sie laden zum Spielen ein, erst allein, dann gemeinsam, es finden sich unvorhergesehene Kombinationen, schließlich bildet sich eine ganze Gemeinschaft der Spielenden.
Künstler und Programmierer schaffen in diesem Sinne Plattformen, indem sie den Kontrollverlust über einzelne Module zulassen und damit einen Spielraum schaffen, in dem man sich selbst finden, Teil des Ganzen werden und die Plattform als solche weiter entwickeln kann. So entstehen möglicherweise neue Formen der Gemeinschaft, von denen man vorher noch nichts wusste.

2. Session. Samstag: Campen im TechnologiePark.

Die gelebte Form einer solchen ‚Vergemeinschaftung‘ um Software ist das Karlsruher BarCamp. Die kostenlose Infrastruktur von OpenSource und sozialen Netzwerken wird mit den kostenlos zu nutzenden Räumlichkeiten des provisorisch aufgeschlagenen Camps getauscht. Natürlich dank der gleichen IT-Unternehmen, die am Abend zuvor auch beim AppArtAward die Preise stifteten. Adel verpflichtet. Kontrollverlust ist Programm. Hier mag man fast an die selbstregulierende Kraft der Basisdemokratie glauben. Gleich einer Agora versammeln sich die Camper zu Beginn in einem Plenum, und wer mag, stellt ein Thema zur Abstimmung, das bei Interesse nachher in kleinerer Runde diskutiert wird – auch Session genannt. „Camp“ bezeichnet damit nicht nur den Ort, sondern die Bewusstseinshaltung, Stimmung, oder den state of mind des „campens“: „Jeder ist ein Du“ – „keine Touristen!“. Melde dich an und du wirst aufgenommen, bist Teil dieser provisorischen Gemeinschaft, die aber nur funktioniert, wenn du dich wiederum selber einbringst und sie damit am Leben hältst. Historisch gesehen scheint der „Camp“-Gedanke für die vernetzte Welt des 21. Jahrhunderts das zu sein, was die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts für die Industrialisierung war.

 

3. Session. Sonntag: Die Digital Natives.

Ein anderes Bild bietet sich, geht man direkt vom „Camp“ ins „Junge“ Staatstheater. Dort läuft gerade „Gesichtsbuch“ – das Stück über das McDonalds unter den sozialen Netzwerken. Ein Ziel hat das Experiment schon vor Beginn erreicht. Anders als sonst drängen sich die Menschen vor der Kasse. Ich darf froh sein, noch ein Ticket ergattert zu haben und muss schließlich gemeinschaftlich zusammenrücken, damit auch die Außenvorgebliebenen noch in den Genuss des wirklich gut inszenierten Stückes kommen. Das Theater spricht endlich wieder die Sprache seiner Zielgruppe, möchte man meinen. Die Zielgruppe (auf der Bühne) ist Facebook-süchtig, so die spannende dramaturgische Konstruktion. Ein Foto davon habe ich natürlich gleich in Echtzeit auf Facebook gepostet. Auch hier wird zum Mitmachen aufgefordert. Aber zu den Nutzungsbedingungen von Facebook gab es keine Fragen, denn kaum einer aus dem Publikum hatte sie gelesen. Nach dem Stück habe ich mir auch vorgenommen, die AGBs zu lesen. Das kommt auf eine der to-do-Listen, die ich mir nach Oliver Gassners Session zum Selbst-Management beim Barcamp seit neustem anlege.

Eine Frage bleibt: Wie würde wohl ein Twitter-Stück aussehen? Aber ich kann ganz beruhigt sein: Nach Paulo Coelhos Diktum ist twittern ja bekanntlich auch so schon Kunst. (cf)

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